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MUSIK/THEMA


        Haft im Reichssicherheitshauptamt in Berlin saß.
        Ursprünglich als „Weihnachtsgruß für Dich [sei-
        ne Braut] und die Eltern und Geschwister“ ge-
        schrieben, stellt das Gedicht den letzten erhal-
        tenen theologischen Text vor seiner Hinrichtung
        am 9. April 1945 dar.
          Nach Bonhoeffers Tod wurde das Gedicht we-
        gen seiner Entstehungsgeschichte und dennoch
        gleichzeitig hoffnungsfrohen Botschaft so popu-
        lär, dass es gleich von mehreren Komponisten in
        unterschiedlichsten Sprachen vertont wurde. In
        der evangelischen Kirchenmusik haben sich vor
        allem zwei Versionen durchgesetzt, die beide
        gemeinsam den Top1-Platz der #schickunsdein-
        lied-Umfrage belegt haben.
          Die Version von Siegfried Fietz ist heute in
        zahlreichen Liederheften und auch im Regional-
        teil des Evangelischen Gesangbuchs (EG) zu fin-
        den (Nr. 652). Die Version von Otto Abel steht
        im EG unter der Nummer 65. Wegen seines Tex-
        tes wird das Lied heutzutage besonders häufig
        zur Jahreswende gesungen – insbesondere als
        eines der Wochenlieder für den Altjahresabend   Dietrich Bonhoeffer 1939.    Foto: Bundesarchiv
        am 31. Dezember.
          Auf dem zweiten Platz landete „Geh aus,
        mein Herz, und suche Freud“ (EG 503) nach der  den zu sein: Von sieben Schöpfungstagen spricht
        Melodie von August Harder (vor 1813). Es ge-  der biblische Schöpfungsbericht; acht als Über-
        hört wohl zu den bekanntesten Liedern des Lied-  bietung der sieben steht für die Ewigkeit. Sie-
        dichters Paul Gerhardt, einer der bedeutendsten  ben plus acht symbolisieren Diesseits und Jen-
        Dichter des deutschsprachigen Kirchenlieds. In  seits, Zeitlichkeit und Ewigkeit. Das Lied wird be-
        der Fachliteratur wird der Choral auch häufig als  sonders gerne bei Gottesdiensten in den Som-
        „Sommergesang“ oder „köstliches Sommerlied“  mermonaten, Himmelfahrts- und Pfingstgottes-
        bezeichnet, da in den 15 Strophen die irdische  diensten sowie Open Air-Gottesdiensten gesun-
        Freude über die Gaben der Schöpfung sowie  gen. Gerade wegen der letzten beiden Strophen
        die himmlische (Vor-)Freude auf das Paradies im  erklingt das Lied durchaus auch bei Trauerfeiern.
        Mittelpunkt stehen – sieben Strophen besingen   Dritter wurde „Großer Gott, wir loben dich“
        den irdischen Garten (1-7), sieben Strophen be-  (EG 331). Es wurde von dem katholischen Theo-
        singen den himmlischen Paradiesgarten (9-15),  logen und Lieddichter Ignaz Franz verfasst. Der
        die achte Strophe bildet das Scharnier zwischen  deutsche Text basiert auf dem lateinischen „Te
        beiden Teilen. Die Strophenzahl 15 (7+8) scheint  Deum laudamus“ aus dem 4. Jahrhundert, ei-
        dabei von Gerhardt nicht zufällig gewählt wor-  nem der ältesten Gesänge der Christenheit. Ins-

        Gemeindebrief 285 • März-April 2024
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